Bauch, Herz, Verstand

Theorielastige Studiengänge durchhalten, Kinder- und Jugendbüchern zur Entstehung verhelfen, Nachtschichten in Werbeagenturen einlegen, jetzt Bücherstapel einkaufen, auspacken, auf- und umräumen. All das ist kein Problem für Alexandra Baier, denn sie ist ein echtes Allround-Talent. Seit einem Jahr leitet sie den PREGO cookbookstore im EATALY in der Münchner Schrannenhalle. Jetzt wurde sie vom Börsenverein für den Young Excellence Arward nominiert. Mit CLAUS plaudert sie über ihren Werdegang, über Leidenschaften und darüber, wieso der Mensch nicht nur eine Sache können können sollte...

BN_Prego_AlexandraBaier

CLAUS: Frau Baier, Sie sind für den Young Excellence Award nominiert, der vom Börsenblatt 2017 zum vierten Mal vergeben wird. Wie fühlt sich das an?
Alexandra Baier: Ich freu mich riesig darüber! Das lief ganz plötzlich. Eines Tages bekam ich den Anruf vom Börsenblatt, die mir dann sagten, dass sie auf mich aufmerksam geworden sind und ob ich nicht Lust hätte, bei dieser Sache mitzumachen. Es ist ja Wahnsinn, was in der Branche alles passiert, wer sich wie einbringt und was bewegt. Insofern ist es natürlich toll, dass auch ich in dieses Raster falle.

CLAUS: Und was ist hier das Exzellente, das Sie im PREGO cookbookstore leisten?
AB: Nun ja, sich selbst und seine Arbeit als exzellent zu bezeichnen, find ich etwas schwierig. Ich würde es lieber so ausdrücken: Der PREGO Store hat ein ungewöhnliches Konzept, das unheimlich viele Schnittstellen mit sich bringt. Und das tut der Buchbranche gut. Nicht nur in München, sondern deutschlandweit braucht es außergewöhnliche Buchhandelskonzepte, bei denen man einfach mal neue Wege geht und etwas ausprobiert, ein Experiment wagt – so wie wir hier eben auch.

CLAUS: Wie sieht dieses experimentelle Konzept genau aus?
AB: Der Grundgedanke ist der, dass man die Genusswelt von EATALY hier in der Schrannenhalle aufgreift und an den entsprechenden Stellen durch Bücher ergänzt. Umgesetzt wird das so, dass wir nicht nur ein Buchladen an einem festen Ort in der Halle sind, sondern unsere Bücher sind über die gesamte Fläche verteilt. Auf diese Weise werden Themenschwerpunkte gebildet: Bei der Pasta liegen die Pastakochbücher, dort, wo frisches Brot verkauft wird, liegen Bücher, wie man Brot einfach selbst backen kann. Und seit einem Jahr haben wir das Sortiment auch ausgebaut. Es gibt jetzt nicht mehr nur Kochbücher, also Sachbücher, sondern wir haben alles, was zu uns passt und kulinarische Themen aufgreift: Krimis, Romane oder auch Kinderbücher. Wir probieren da viel aus und schauen kontinuierlich, was vom Kunden angenommen wird und was eher liegen bleibt.

CLAUS: Wie abhängig sind Sie da vom Heimatverlag ZS?
AB: Natürlich arbeiten wir eng zusammen, das ist klar, immerhin sind wir der Buchladen des ZS Verlags. Aber letztendlich wollen wir als erster Kochbuchladen Münchens dem Kunden ein breites Spektrum bieten und das kann man nur, wenn man alle Verlage berücksichtigt und das Sortiment entsprechend gestaltet. Und hier habe ich das Glück, großen Vertrauensvorschuss bekommen zu haben. Ich habe, was Gestaltung angeht, freie Hand und kann mich und das Sortiment wild ausprobieren. Das genieße ich auch sehr. Klar, kann man das Rad nicht neu erfinden – aber ich freue mich jedes Mal aufs Neue sehr auf die Vorschauen, in denen ich dann vom Roman bis zum Kinderbuch stöbern kann, was zu uns passt oder was wir gerade gut präsentieren können, um den PREGO cookbookstore zu etwas ganz Besonderem zu machen.

CLAUS: Aber woher wissen Sie, was zu Ihnen passt? Immerhin haben Sie den Beruf des Buchhändlers nicht gelernt. Sie haben Germanistik studiert und dann bei Loewe volontiert.
AB: Ja das stimmt, gelernte Buchhändlerin bin ich nicht. Aber die Affinität zum Medium Buch, die ist natürlich schon immer da. Während des Studiums habe ich schon im Buchhandel gejobbt, sodass das auch schon immer eine Option für mich war. Hinzu kommt, dass ich aus einer Gastronomenfamilie komme, also das Thema Essen und Kochen bei uns immer Thema war. Und dann trat das PREGO EATALY Konzept auf den Plan und da dachte ich: Das passt genau zu mir!

BN_PregoLogo© ZS Verlag

CLAUS: Das heißt eines Tages kam die Stellenanzeige und Sie haben sich kurzerhand beworben?
AB: Genau. Damals habe ich in der Werbebranche gearbeitet. Dort war ich auch schon Quereinsteigerin, einfach, um in München Fuß zu fassen. Und dann hab ich das Stellenangebot entdeckt und gedacht: Wenn ich das nicht machen darf, werde ich meines Lebens nicht mehr froh!

CLAUS: War es ein Hindernis im Bewerbungsprozess, dass Sie keine gelernte Buchhändlerin sind?
AB: Ich glaube im Endeffekt nicht, denn im Konzept von PREGO steckt einerseits zwar der klassische Buchhandel, andererseits läuft viel über Improvisieren, Jonglieren. Einerseits freut es mich also, wenn ich mich buchhändlerisch fortbilden kann, dazulernen kann. Aber andererseits macht es mir Spaß, dass ich mich hier jeden Tag neu erfinden kann. Und ich hatte das Glück, dass ich hier toll eingearbeitet wurde, es eine super Übergabe gab und ich nicht allein war. Überhaupt stemme ich das hier ja nicht allein, sondern die KollegInnen unterstützen mich, bringen ihre Erfahrungen mit.

CLAUS: Das klingt, als wären Sie das geborene Allround-Talent. Was ja konträr zur Meinung läuft, die man momentan oft hört: Junge Leute müssen sich vor allem spezialisieren!
AB: Wenn ich das höre, sträuben sich bei mir alle Haare. Die Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, sind eher, dass man es schwerer hat, wenn man nur auf eine einzige Sache versteift ist. Es ist ja ohnehin heute nicht mehr so, dass man ein Spezialgebiet bei einem Arbeitgeber hat, bei dem man die nächsten 30 Jahre bleibt. Der Arbeitsmarkt an sich bringt es heutzutage mit, dass man sich weiterbilden muss, flexibel sein muss, sich immer wieder neu aufstellen muss, neue Aufgabengebiete bekommt. Das kommt mir entgegen, denn ich habe in meinem Leben gemerkt, dass ich viele Sachen kann, mir vieles Spaß macht und ich mich sehr schnell in verschiedenste Bereiche einarbeiten kann. Zudem entwickelt sich der Mensch ja auch! Für mich ganz persönlich kann ich sagen, dass ich immer zugesehen habe, dass ich für mich das finde, was momentan am besten zu mir passt. Und jetzt bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich sage, das ist es. Alles richtig gemacht! Denn natürlich macht es einen großen Unterschied, ob man etwas mit Leidenschaft macht oder ob man es nur macht, weil man es kann. Und hier bei PREGO habe ich alles in einem: Direkter Kundenkontakt mit den unterschiedlichsten Leuten - weil wir am Viktualienmarkt natürlich mitten im Zentrum sind - die Genusswelt von EATALY und natürlich all diese wundervollen Bücher – das ist für mich die perfekte Mischung.

CLAUS: Noch dazu sprechen Sie italienisch, habe ich gerade gehört?
AB: Ja, tatsächlich! Ich habe Italienisch in der Schule gelernt, darin auch Abi gemacht und dann auch an der Uni studiert. Dann ist es leider etwas eingeschlafen und jetzt kann ich es endlich wieder aktivieren. Besonders schön dabei ist, dass die EATALY Kollegen aus allen Regionen Italiens kommen – authentischer geht es nicht!

CLAUS: Wieder das Thema der Leidenschaften.
AB: Auf jeden Fall! Wenn man eine Leidenschaft hat, hat man auch ein gewisses Know-How und sollte sich nicht scheuen, dafür einzustehen. Letztendlich geht es doch im Berufsleben darum, zu bemerken, was man gut kann. Dazu muss man sich auch ausprobieren dürfen, Entscheidungen auch mal wagen. Und auf jeden Fall auf sein Bauchgefühl hören! Egal, was die Familie sagt, egal, was die Meinung auf dem Arbeitsmarkt ist: Was man mit Überzeugung tut, wird auch gelingen. Also: Bauch und Herz. Und wenn dann noch ein bisschen Verstand dazukommt – dann kann nichts schiefgehen.

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Urbaner Idealismus: der astikos Verlag

Daniel Bräuer und Nikk Schmitz sind Astiküsse. So nennen sie sich als Mitglieder ihres Verlages. Gegründet haben sie den astikos Verlag 2015. Zu dritt, gemeinsam mit einem Freund, mit dem sie seit längerer Zeit den Plan schmiedeten, die eingefahrenen Strukturen zu durchbrechen. Zwischenzeitlich besteht der Verlag aus einem ganzen Netzwerk an Gleichberechtigten. Und einer großen Vision.

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