Neustart, ein eigener Verlag und viel Mut

Julia Eisele war fast 20 Jahre Lektorin und Programmleiterin bei großen Verlagen, u.a. bei Piper. 2015 gründete sie ihren eigenen Verlag. Mit CLAUS hat sie über ihre Entscheidung, ihre Leidenschaft für besondere Titel und die Vor- und Nachteile der Selbstständigkeit gesprochen.

BN_Julia Eisele© Julia Eisele

CLAUS: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesen ersten beiden erfolgreichen und aufregenden Programmen!
In der Ausgabe 5/2018 der Zeitschrift Donna sagten Sie, Sie gründeten einen Verlag um selbstbestimmter handeln zu können und das Leuchten in den eigenen Augen wiederzufinden. Ist es geblieben? Oder geht es im alltäglichen Kampf um Zahlen, Ränge, Presse  etc. unter?
Julia Eisele: Es ist geblieben! Meine tägliche Arbeit erlebe ich auch nicht als Kampf, sondern als sinnvolle Beschäftigung, auch wenn es manchmal sehr viel ist und eine Pause ab und zu auch mal schön wäre. Aber dieses Jahr werde ich zwei Wochen Urlaub haben, das ist schon mal ein großer Fortschritt.

CLAUS: Wären Sie nicht so erfolgreich gestartet, was, außer einem „lädierten Ego“, wäre passiert? Gab es einen Plan B, ein Auffangnetz?
JE: Natürlich muss man bei einer Unternehmensgründung damit rechnen, dass es auch schiefgehen kann. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Verlag nicht profitabel ist, würde ich mir eben wieder einen Job als angestellte Lektorin suchen – zum Glück sieht es aber nicht so aus, als würde das nötig sein.

CLAUS: Wird man gelassener oder bleiben auch nach dem zweiten erfolgreichen Programm Existenzängste?
JE: Ich bin schon ein bisschen gelassener geworden. Die Rückmeldungen aus dem Handel sind so gut, ebenso wie die Verkaufszahlen der ersten beiden Programme, dass ich durchaus beruhigt schlafe. Außerdem bin ich nicht der Typ für Existenzängste. Ich bin da eher furchtlos gestrickt.

CLAUS: Sie verlegen eine relativ kleine Auswahl an Büchern. Nach welchen Kriterien außer dem eigenen Geschmack gehen Sie vor? Versuchen Sie eine Zielgruppe zu erreichen oder verstehen Sie sich als Verlegerin derer, die in keine gängige Zielgruppe passen?
JE: Ich suche bevorzugt nach dem, was man gemeinhin „gehobene Unterhaltung“ nennt. Also keine klassische Genreliteratur, aber auch nichts (oder nur sehr wenig) Hochliterarisches. Der Maßstab bleibt mein Lesegeschmack und meine Einschätzung dessen, was ich für „buchhändleraffin“ halte. Dabei hilft mir meine Erfahrung als Programmmacherin, das hat sehr viel mit Übung und Routine zu tun. Und da ich nur so wenige Bücher mache, kann ich es mir leisten, wählerisch zu sein. Generell versuche ich mich mit meinem Programm von dem, was in den großen Verlagen passiert, abzusetzen. Also origineller, individueller, spezieller zu sein.

CLAUS: Wie muss man sich den „Buchfindungs“-Prozess vorstellen? Findet man die besten Werke durch Zufall? Oder ist es lange und mühsame Recherche?
JE: Es ist eine Mischung aus beidem: Manches ist das Ergebnis gezielter Suche, anderes flattert einem so zu. Ich muss in der Regel schon sehr viel lesen, bis etwas dabei ist, was mich völlig überzeugt. Aber es gibt auch Glückfälle wie den, dass eine Bekannte ein Buch schreibt, das super in den Eisele Verlag passt. Und zum Glück gibt es Agenten, die sehr gut verstehen, wonach ich suche, und mich mit entsprechendem Lesematerial versorgen.

CLAUS: Sie waren über 20 Jahre in großen Verlagshäusern tätig. Vermissen Sie etwas? Ist die alleinige Verantwortung manchmal erdrückend?
JE: Ich vermisse vielleicht manchmal, einfach in den Raum mit Büromaterial gehen zu können, um mir beispielsweise einen neuen Klebestift zu holen. Die Zeiten sind jetzt nämlich vorbei: Jede Büroklammer muss ich selbst bestellen, mich um tausend Kleinigkeiten selbst kümmern. Auf der anderen Seite ist es auch sehr bereichernd, Neues dazuzulernen. Ich weiß jetzt, wie man ein Kassenbuch führt und bin zum Beispiel auch sicherer in Vertragsdetails und der Kalkulation von Projekten geworden. Also nein, ich vermisse (fast) nichts.

CLAUS: Wie viel Zeit bleibt Ihnen tatsächlich für Ihre Leidenschaft, das Lesen und das, wie Sie es in einem früheren Interview nannten, „Trüffelsuchen“? Kann man Autoren und ihren Werken die verdiente Aufmerksamkeit schenken oder frisst einen die Arbeit, die damit zusammenhängt, auf?
JE: Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. In der Tat ist es nicht ganz einfach, sich diese Lesezeit zu nehmen. Oder auch die Zeit für andere inhaltliche Arbeit, so das Lektorieren, das ich ja auch selbst mache. Daher gibt es eben kaum noch Wochenenden, und eine 40-Stunden-Woche reicht nicht, um alles Nötige zu tun. Zum Glück fühlt sich meine Arbeit nicht wie Arbeit an, sonst sähe es düster aus.

CLAUS: Und jetzt ein heikles Thema: Können Sie uns eine Orientierungshilfe geben wie groß der finanzielle Aufwand ist um einen kleinen Verlag zu gründen und erste Werke einzukaufen? Reden wir von der Größenordnung eines Familienwagens, eines Einfamilienhauses oder können Sie bei diesen Vergleichen nur müde lachen?
JE: Grob gesagt: Es ist etwas zwischen einem Familienwagen und einem Einfamilienhaus. Bücher zu verlegen ist kapitalintensiv, erst recht, wenn man auch in der Herstellung auf Qualität setzt und seine Übersetzer und andere freie Mitarbeiter fair bezahlt. Ohne die Investition und ein Darlehen von meinem Mitgesellschafter hätte ich es jedenfalls nicht stemmen können.

CLAUS: In einem anderen Interview haben Sie gesagt, so aufregend die Jahre bei  den großen Verlagen wie Piper auch waren, so sehr hätten sie Sie auch an den „Rand der Erschöpfung“ gebracht. Ist das jetzt anders? Arbeiten Sie jetzt nicht deutlich mehr? Oder ist die andere Art des Arbeitens, das „für den eigenen Verlag“ Entschädigung genug?
JE: Ich arbeite eher mehr als weniger – aber es fühlt sich anders an. Und ich habe mehr persönliche Freiheiten. Ich kann es mir erlauben, auch mal später als normal ins Büro zu gehen, und ich habe keine anstrengenden (und langweiligen!) Sitzungen mehr. Es ist viel, aber es macht auch viel Spaß. Also keine Klagen.

CLAUS: Wieviel Vitamin B haben Sie aufgrund der vorher jahrelangen, intensiven Zusammenarbeit mit Branchenkollegen erhalten? Oder war es genau andersherum? Wieviel Schmunzeln und Gegenwind mussten sie aushalten?
JE: Gegenwind gab es eigentlich keinen, im Gegenteil. Viele haben mir Mut gemacht, mir zu meiner Entscheidung gratuliert, und wenn welche geschmunzelt haben, dann nicht mir ins Gesicht. Besonders freut mich, dass uns das kleinere und mittlere Sortiment starke Sympathien entgegenbringt; das hätte ich in dem Maße nicht erwartet. Dass wir eine Vertriebskooperation mit Ullstein haben und es uns gelungen ist, Politycki & Partner als Pressebüro zu gewinnen, mag schon damit zu tun haben, dass man mich in der Branche schon kannte. Ich würde auch niemandem, der gar keine Verlagserfahrung hat, zu einer Gründung raten.

CLAUS: Bisher sagten Sie, Sie möchten, was die Programmgröße angeht, gar nicht wachsen. Ist das nach wie vor so?
JE: Absolut. Gerade die Konzentration auf das Wesentliche ist ein Konzept, das auf sehr viel Gegenliebe stößt. Und nur bei einer Novitätenzahl von acht im Jahr kann ich garantieren, dass es sich ausschließlich um von mir handverlesene Titel handelt. Also bleibt es dabei.

CLAUS: Vielen Dank für das spannende Interview!
Mehr Infos zum Verlag und aktuellem Programm unter https://eisele-verlag.de/

 

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